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Kriegsenkel – Kriegskinder – Nachkriegskinder

24.08.2022 | Entwickungspsychologie, Transgenerationale Weitergabe, Wissen | 0 Kommentare

Um das Prinzip der transgenerationalen Weitergabe besser verstehen zu können, möchte ich gern die Begriffe rund um die Kriegsenkel erklären. Ich beziehe mich hierbei auf den 2. Weltkrieg, da es für meine Geschichte und auch meine Aufklärungsarbeit relevant ist.

Kriegskinder

Sind diejenigen, die während des zweiten Weltkriegs ein Kind waren.

Ihre entwicklungspsychologisch wichtige Zeit wurde durch Kriegsgeschehnisse und deren Folgen geprägt und auch beschädigt.

Im Alltag haben sie Schlimmes erlebt, wie Bombenangriffe, Gewalt, Flucht, Vergewaltigung etc. Dies sind traumatische, belastende Ereignisse, die leider nicht aufgelöst wurden, sondern unterdrückt werden mussten. Dadurch entstehen Traumata 

Unter anderem, weil die meisten von ihnen mit einer nazi-ideologischen Erziehung aufgewachsen sind, in der es wichtig war zu gehorchen und keine Schwäche zu zeigen („Jungs weinen nicht!“ „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ „Stell‘ dich nicht so an!“ etc.). Es gab also in den seltensten Fällen Trost und Mitgefühl, wenn etwas passiert war, sondern viele bekamen stattdessen noch Schläge, wenn sie (darüber) weinten. Gefühle zeigen war tabu. 

Allerdings haben sie auch eine viel höhere (Über-)Lebensenergie als ihre Kinder (Kriegsenkel). 

Nachkriegskinder

Sind die Kinder, deren Eltern den Krieg als Erwachsene erlebt und deren Väter als Soldat teilgenommen haben.

Sie wuchsen zwar im Frieden auf, spürten aber trotzdem, dass in ihrer Familie etwas Unausgesprochenes war. 

Ihre Eltern hatten traumatische Ereignisse erlebt, konnten diese aber aufgrund ihres Alters oftmals besser bewältigen.

Viele zeichnen sich dadurch aus, dass sie oftmals alles anders als ihre Eltern machen wollten und ihnen auch vorgeworfen haben, warum sie damals nichts gesagt oder geändert haben. Beispiele hierfür sind z.B. die 68-er Bewegung.

Kriegsenkel

Sind die Kinder der Kriegskinder

Obwohl sie in einer besseren und friedlichen Zeit aufgewachsen sind als ihre Eltern, spüren sie unbewusst eine Art Ohnmacht und Hilflosigkeit. Sie fühlen sich oftmals nicht komplett, können ihr Potential nicht voll ausschöpfen. Irgendetwas hakt. „Es ist, als ob sie mit einem Fuß auf dem Gas und dem anderen auf der Bremse stehen.“ (Dr. Angela Moré)

Instinktiv fühlen sie, dass gewisse Themen einfach nicht angesprochen werden dürfen, da sie scheinbar hochexplosiv sind. Fragen nach der Vergangenheit werden oftmals mit lapidaren Floskeln abgetan („Bei uns war es ja nicht so schlimm.“, „Eigentlich war es ganz schön“ …) oder man wagt erst gar nicht zu fragen, weil man den Widerwillen und die Angst spürt. Sie wachsen in einer Welt des Schweigens auf, wahre Gefühle werden selten gezeigt oder zugelassen. 

Es erfolgte also eine indirekte Traumatisierung oder auch Sekundärtrauma genannt.

Sie wurden überwiegend auch wie ihre Eltern erzogen. 

Kriegsurenkel

Sind die Kinder der Kriegsenkel

Sie spüren oftmals noch diese Folgen, dieses Unausgesprochene. Das Trauma wird immer wieder an die Nachkommen weitergegeben, bis es endlich erkannt und aufgelöst wird.

Ich bin erstaunt, wie viele Kriegsurenkel ich während meiner Recherche kennengelernt habe. Ich dachte tatsächlich, dass diese Weitergabe so weit abgeschwächt wird, dass sie sich praktisch von allein auflöst. Aber so ist es scheinbar nicht. Das habe ich anhand meiner Kinder gemerkt, was mich nochmal mehr darin bestärkt hat, dieser Weitergabe endlich ein Ende zu setzen. 

Bewusste Auseinandersetzung

Aktives Bewusstsein und Wahrnehmen von diesen Zusammenhängen sowie die Arbeit mit der eigenen Biografie bringt uns einen großen Schritt vorwärts und führt sogar in vielen Fällen schon zur Auflösung der alten Verstrickungen. Wir haben so viele Möglichkeiten und vor allem das Wissen, uns damit auseinanderzusetzen.

In allen Generationen kann es übrigens sein, dass, wenn diese Eltern werden, die Beziehung zu ihren Kindern von dieser emotionalen und seelischen Störung geprägt wird.

Definition anhand von Jahrgängen

In manchen Artikeln werden die Begriffe und deren Abstufungen anhand von Jahrgängen definiert. Ich finde das etwas schwierig, denn meine Eltern haben mich zum Beispiel sehr spät bekommen: meine Mutter wurde 42, mein Vater war fast 50. Und auch meine Großeltern waren bereits 35 und 43, als meine Mutter geboren wurde. Da haben sich die Generationen ein wenig verschoben. Manchmal ist die Eingrenzung in Jahrgängen aber auch hilfreich, weil man eher eine Zugehörigkeit erkennt als über die Begriffe. Ich habe mich jahrelang nicht zu den Kriegsenkeln gezählt, weil ich es einfach auf das Wort „Krieg“ reduziert hatte und dachte, dass ich den ja nicht miterlebt hatte. 

Solltest du dich in den Beschreibungen wiederfinden und/oder dich etwas in den Formulierungen triggert, dann erkundige dich und nimm bitte therapeutische Hilfe an.

Die Reihe 37° vom ZDF hat in seiner Themenwoche hier eine sehr schöne Dokumentation darüber gestaltet. 

Hier findest du mehr Informationen zum Thema Transgenerationale Weitergabe und Trauma

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Über mich

Ich bin Kerstin – leidenschaftliche Sammlerin von schönen Momenten, aber auch ästhetischen Buchstaben und Bildern. Ich brenne dafür, die Welt zu bereisen, neue Einblicke zu gewinnen und meinen Horizont zu erweitern.
Ich liebe es, Gedanken zu strukturieren und sie dann auf Papier zu bringen. Entweder als Bild oder als Text.

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